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Kolumne #Gedankenliebelei

Hallo 2019 – Eine Kolumne über Mut, Vorbilder und verschiedene Blickwinkel

18. Januar 2019
Gedankenliebelei

Hallo 2019. Hallo neues Jahr. Ganz ehrlich? Es kommt mir vor, als hätte ich vor ein paar Wochen erst das Jahr 2018 mit meinem Text über Ordnung und Challenges begrüßt. Tatsächlich ist es aber schon wieder ein paar Wochen her, dass ich das vergangene Jahr mit einem Rückblick in meiner Instagram Story verabschiedete. Nicht der typische Blick auf alles, was schön war – gegen den meiner Meinung nach aber eigentlich auch nichts spricht. Ich habe mich hingesetzt und das Jahr revue passieren lassen, mit allem, was es mit sich brachte. Allen Hochs und allen Tiefs. Allem, was gut war und allem, was schmerzhaft war.

Warum? Weil so gut wie jeder auf Instagram seine glänzenden Seiten aus dem Kontext reißt und zeigt, während ein Großteil der Zuschauer davon ausgeht, dass DAS ein realer Blick auf das Leben der anderen sei. Ich finde es ehrlich gesagt völlig in Ordnung, nur die schönen Seiten zu zeigen, weil wir uns alle mehr auf das Gute fokussieren sollten, ohne das Schlechte zu verdrängen. Und weil es prinzipiell ja auch, abgesehen von unseren Vertrauten, niemanden etwas angeht, was in unserem Inneren vor sich geht. Problematisch wird es erst, wenn wir uns vergleichen. Wenn wir neidisch auf das Leben der anderen werden oder unser eigenes Leben als langweilig, schwer oder uninteressant einstufen. Wenn die Hochs der Anderen mit unserem Leben konkurrieren.


Der Unterscheid zur Zeit vor Instagram

Früher hatten wir Kontakt zu den Menschen, die wir persönlich kennen. Wir haben uns zum Kaffee getroffen und uns da gegenseitig eine bunte Mischung aus allem, was gut und schlecht ist, erzählt. Wir haben mit unseren Lieben über den Urlaub, aber auch über Sorgen und Ängste gesprochen. Wir haben erzählt, was uns bewegt. Und heute? Heute sehen wir täglich die Hochs von Fremden. Wir scrollen seit Jahren täglich durch unseren Feed und sehen uns an, wie andere es schaffen, frisch die ausgewogensten Mahlzeiten zu kochen, ständig zu verreisen, Sport zu treiben, die schönsten Häuser zu kaufen, Selbstliebe zu praktizieren. Wir sehen, wie andere ihre Träume verwirklichen und vermeintlich viel mehr Zeit für alles haben.

Ich erhoffte mir, aufzeigen zu können, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Dass auch ich im letzten Jahr meine goldenen Momente aus dem Kontext gerissen und gezeigt habe.

Der Gegenpart
Was fehlt? Der Gegenpart. Die Sorgen und Ängste. Die Tiefs. Der Preis, den der/die Postende dafür zahlt, dass er hat, was er hat. Die andere Seite der Medaille. Es ist keine Mischung mehr, die uns zeigt, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat.

Tatsächlich war das der Grund, warum ich in meinem Rückblick auf Instagram (in meinen Story Highlights könnt ihr ihn noch ein paar Wochen lang ansehen) genau davon erzählt habe. Von den Umständen, die mir in 2018 eine scheiß Angst einjagten. Von meinen Tränen, von meiner Diagnose einer chronischen Erkrankung und der damit verbundenen Verzweiflung.

Ich erhoffte mir, aufzeigen zu können, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Dass auch ich im letzten Jahr meine goldenen Momente aus dem Kontext gerissen und gezeigt habe. Weil ich meine Probleme erst ein Mal selbst für mich verarbeiten musste. Das kennen wir doch alle, oder? Dass solltet ihr euch immer wieder bewusst machen, wenn ihr euer Leben auf dieser App vergleicht. Es ist kein Abbild des Lebens der Anderen! Oder ihr verzichtet direkt auf den Vergleich und lebt euer eigenes Leben genau so, wie ihr es euch wünscht! Um alle schweren Umstände herum. Übernehmt die Verantwortung für euer Glück!


Es kommt immer auf den Blickwinkel an

Ich wollte auch aufzeigen, dass es möglich ist, auch in und mit schwierigen Umständen, glücklich zu sein und wie das funktioniert. Ich zeigte euch meine Blickwinkel und wie wir es geschafft haben, uns trotzdem oft leicht und happy zu fühlen – das eigene Glück ist nämlich nicht abhängig davon, dass immer alles gut läuft. Im Gegenteil. Wer das erwartet, wird ewig auf der Suche bleiben.

Natürlich habe ich gehadert. Selbstverständlich hat es mich eine Menge Überwindung gekostet, über all das zu sprechen. Klar, ich habe auch Angst, dass es rückblickend dann vielleicht doch nicht so eine gute Idee war, mich zu öffnen.

Aber ich hatte intuitiv das Gefühl, dass es das Richtige ist und habe meine Angst ignoriert. Wenn ich in den letzten Jahren nämlich eines gelernt habe, dann dass die Angst kein guter Berater ist, wenn ich ein freies, selbstbestimmtes Leben führen möchte.

Und was soll ich sagen? Kaum hatte ich die Worte veröffentlicht, fühlte ich mich unendlich leicht. Und dann seid ihr gekommen!

Wenn ich in den letzten Jahren nämlich eines gelernt habe, dann dass die Angst kein guter Berater ist, wenn ich ein freies, selbstbestimmtes Leben führen möchte.

Die Rückmeldung auf meinen Rückblick war enorm – kaum hatte ich eine Nachricht gelesen, waren minimum zwei neue angekommen und ich war den halben Tag damit beschäftigt, eure Worte zu lesen. Ihr habt mich mutig genannt und ich fing an, mich zu fragen, wann es denn mutig geworden ist, man selbst zu sein und zu sich zu stehen? Wie sehr haben wir uns alle von uns selbst entfernt? Ich habe die Angst, darüber zu sprechen, ja schließlich auch deutlich gespürt


Woher kommt diese Angst?

Warum haben wir Angst, uns zu öffnen? Zu uns zu stehen? Warum haben wir Angst davor, zuzugeben, dass wir nicht zu hundert Prozent funktionieren? Warum wollen wir nicht, dass jemand sieht, dass es uns nicht gut geht? Wann haben wir angefangen, zu erwarten, perfekt ins System passen zu müssen? Seit wann dürfen wir nicht mehr menschlich sein? Warum ist es überhaupt das Ziel, immer zu funktionieren? Eigentlich finde ich es neutral betrachtet, ganz schön erschreckend, zu »funktionieren«. Das klingt so nach Maschine. Nach einem Tag wie der andere. Gleichförmig. Ohne Ausreißer. Weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Ich mag Ausreißer. Ich mag kein Leben führen, bei dem jeder Tag dem anderen gleicht. In dem zwar nichts Schlimmes passiert, aber dafür eben auch nichts richtig Tolles! Ich mag mich lebendig fühlen. Glücklich. Und um das Gleichgewicht zu halten, muss ich dafür eben auch die Tiefen mit- und annehmen. Ich muss durchtauchen, um wieder an die Oberfläche zu kommen.


Warum jeder ein Vorbild ist

Einige von euch schrieben mir, dass ich ein Vorbild für sie sei. Früher hätte mir das wahrscheinlich Angst gemacht, weil ich mich unter Druck gesetzt gefühlt hätte. »Jetzt darfst du dir echt keinen Fehler mehr erlauben, weil du sonst die Menschen enttäuschst, die meinen, dass du ein Vorbild bist.« Heute weiß ich, dass jeder eine Vorbildfunktion hat. Jeder lebt, wie er lebt und alle anderen sehen dabei zu. Und jeder kann für sich entscheiden, was für eine Art Vorbild er sein möchte. Dafür braucht es gar keine Worte – nur Taten. Taten, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität.

Jeder kann für sich entscheiden, was für eine Art Vorbild er sein möchte. Dafür braucht es gar keine Worte – nur Taten. Taten, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität.


Ich persönlich möchte unter anderem jemand sein, der andere dazu ermutigt, zu sich zu stehen. Ich wünsche mir eine Veränderung in unserer Gesellschaft – weg vom puren funktionieren, hin zu Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz. Also warte ich nicht darauf, dass sich etwas ändert, sondern fange einfach an. Ich kümmere mich selbst um die Veränderung, die ich mir wünsche.


Wir sitzen alle im selben Boot

Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen wieder mehr miteinander reden. Dass es weniger darum geht, zu zeigen, was man (erreicht) hat, sondern darum, zu zeigen, wer man ist, was einen ausmacht und was einen bewegt.

Egal, ob im kleinen, privaten Rahmen oder so wie ich es mache, im größeren Rahmen. So, wie es sich gut anfühlt. Wer den ersten Schritt macht und sich öffnet, ist ein Vorbild für andere, die sich dann evtl. ermutigt fühlen und ebenfalls öffnen. Und am Ende wissen wir, dass wir mit all unseren Sorgen, Ängsten und Zweifeln gar nicht alleine sind. Dass selbst der offensichtlich erfolgreichste oder glücklichste Mensch seine Schattenkinder hat.

Setzt die Veränderung um, die ihr euch wünscht
Wenn ihr euch also zum Beispiel auf Instagram oder im realen Leben von Angesicht zu Angesicht mehr echte Gefühle wünscht, dann ärgert euch nicht über die Oberflächlichkeit anderer, sondern fangt einfach an – euch selbst zuliebe! Wenn ihr damit dann auch nur eine/n erreicht und positiv beeinflusst, war es diese/r eine schon wert. Und wer weiß, wem diese/e eine dann weiterhilft? Jede/r von euch kann etwas bewegen! Jeder kann eine Kettenreaktion auslösen! Dafür braucht es keine große Reichweite, sondern einfach nur jemanden, der anfängt.

Also: schnappt euch dieses Jahr, nehmt an, was es so mit sich bringt und habt es schön!
Nadine

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1 Kommentar

  • antworten Merci 18. Januar 2019 at 13:33

    Liebe Nadine, deine Blogbeiträge zur „Gedankenliebelei“ berühren mich immer wieder aufs Neue. Du sprichst etwas aus und bringst es immer wieder so schön auf den Punkt, was mir bei tieferen Themen oft so schwer fällt. Es ist wirklich schön, dass es Dich gibt :). LG

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