Jobliebelei

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

17. August 2018

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Direkt aus der Festanstellung ins eiskalte Wasser – so hat Maggie, die Designerin hinter dem Label stahlpink vor ziemlich genau einem Jahr angefangen. Im Normalfall geben nur die, die bereits recht weit gekommen und schon sehr erfolgreich sind, jede Menge Tipps, aber Maggie hat genau das umgesetzt, was sie sich selbst gewünscht hätte: sie hat einen #megamutig-Podcast über ihr erstes Jahr nach der Gründung aufgenommen. Ich finde wirklich, dass eine Menge Mut dazu gehört, auch über die Sorgen und Zweifel, die der eigene Weg zwangsläufig mit sich bringt, zu sprechen. Genau das braucht es, um andere zu ermutigen und genau das macht Maggie zu einer großartigen Kandidatin für meine #Jobliebelei-Serie.

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Hallo Maggie, erzähl meinen Lesern doch bitte zuerst Mal ein klein wenig über dich: wer bist du? Wofür schlägt dein Herz? Und womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?
Ich bin 29, selbstständige Designerin und mein Herz schlägt für so viele Dinge! Allen voran Kaffee, mein Freund, meine Familie und das Empowerment von anderen.

Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit meinem Label stahlpink. Bei stahlpink gibt es von mir gestaltete Produkte wie Schmuck und Papeterie. Ich habe einen eigenen Online-Shop, zu dem auch ein Blog und ein Podcast gehört, der #megamutig-Podcast, in dem ich tagebuchartig von meinem ersten Jahr der Selbstständigkeit berichte.

Seit wann machst du das, was du liebst, hauptberuflich und was war der ausschlaggebende Grund dafür, diesen Schritt wirklich zu gehen?
Ich habe mein Label stahlpink im September 2017 gegründet. Vorher war ich ein Jahr lang in einer Digitalagentur festangestellt und habe in dieser Tätigkeit deutlich gespürt, dass die Festanstellung nichts für mich ist. Also keimte vor einem Jahr in mir der Wunsch auf, etwas „eigenes“ zu starten. Leider war es nicht möglich, in der Agentur auf Teilzeit runter zu gehen. Und das Klischee von Agenturen traf in meinem Fall absolut zu: lange Tage, viel Engagement. Daher war es schwierig, nebenher etwas aufzubauen. Also hieß es damals: ganz oder gar nicht!

Ich habe mir etwas Geld angespart und nach ewigem hin und her gekündigt, nachdem ich erst drei Monate davon gesprochen habe. Der ausschlaggebende Punkt, warum ich gekündigt habe, war, dass ich in der Festanstellung nicht glücklich war. Ich habe keine Erfüllung gefunden und deutlich gespürt, dass ich langsam verkümmere, auch wenn das etwas melodramatisch klingt. Aber ich glaube, dass viele diese Leere kennen: einen sinnlosen Job ausüben, der jegliche Energie frisst, nur um am Monatsende ein sicheres Gehalt auf das Konto zu bekommen? Mir wurde klar, dass persönliche Erfüllung wichtiger ist als die vermeintliche Sicherheit, die eine Festanstellung bietet. Also habe ich gekündigt und mir selbst eine Arbeit geschaffen, die mich jeden Tag glücklich macht und in der ich einen Sinn sehe.

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Hattest du anfangs in deinem persönlichen Umfeld mit Vorurteilen oder Gegenwind zu kämpfen? Und wie steht dein Umfeld jetzt zu deinem Job?
Tatsächlich habe ich es meinen Eltern ca. drei Monate lang nicht erzählt, dass ich gekündigt habe. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Angst, weil meine Eltern selbst sehr sicherheitsliebend sind und ihr bisheriges Leben lang in Festanstellungen tätig waren. Ich hatte Angst, dass sie mein Vorhaben, ein eigenes Label zu gründen, sehr kritisch sehen würden und mich nicht ernst nehmen würden. Und die mögliche Reaktion, dass ich einfach zu „faul“ für meinen bisherigen Job war, dass ich mich einfach nur noch mehr anstrengen müsste.

Aber diese Ängste waren zum Glück vollkommen unbegründet. Nach „der großen Beichte“ sind meine Eltern meine größten Fans und Förderer und unterstützen mich, wo es geht. Ich denke, sie merken einfach, dass ich mit ganzem Herzen dabei bin und das nicht zum „Spaß“ mache, sondern mir ein ernsthaftes Business aufbaue.

Was sind für dich persönlich die negativen Seiten an der Selbstständigkeit?
Anfangs war es schwierig, ohne Feedback oder Kritik auszukommen. Ich hatte ständig große Angst, auf dem falschen Weg zu sein oder Fehler zu machen. Aus meinem bisherigen Job war ich viel Feedback und Abstimmungen gewöhnt – und nun plötzlich alles alleine zu machen war beängstigend. Aber um ehrlich zu sein, ist es mittlerweile befreiend. Nach ca. drei Monaten hatte ich genug Selbstvertrauen, um an mein Projekt zu glauben.

Außerdem ist es schwierig, sich in alles selbst einlesen zu müssen, was dieses Jahr wohl für alle Selbstständigen ein großes Thema war: DSGVO, Werbung kennzeichnen und auch die erste Steuererklärung, die ich selbst erstellt habe, war etwas heikel. Aber diese kleinen Hürden haben mir gezeigt: es gibt nichts, was ich nicht lernen oder selbst durchziehen kann. Ob diese Tätigkeiten mir allerdings immer Spaß machen, ist eine andere Frage!

Natürlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch bei mir die Finanzen eine Schwierigkeit darstellen: den eigenen Online-Shop so voran zu treiben, dass man davon leben kann, das geht nicht über Nacht. Zum Glück gibt es den Gründungszuschuss! Außerdem lebe ich noch recht studentisch, ohne eigenes Haus, Auto oder große Fernreisen. Mir geht es auch ohne viel Geld super gut und ich weiß aber auch, dass das nicht für immer so sein wird, dass ich in Zukunft ausreichend verdienen werde. Dieses Vertrauen in die Zukunft und die eigenen Fähigkeiten sollte jeder haben, der/die den Schritt in die Selbstständigkeit wagt.

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Und jetzt aber zurück zum Schönen: was ist das tollste daran, sein eigener Chef zu sein?
Ich habe im letzten Jahr Achtsamkeit gelernt: auf meinen Körper zu hören und meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Das klingt etwas lapidar, aber in meinem vorher so stressigen Job hatte ich fast keinerlei Empfindungen mehr, ob es mir überhaupt gut geht – ich hab nur noch funktioniert. Und von Wochenende zu Wochenende gelebt (die leider viel zu kurz sind, um das alles, was man während der Woche an Leben verpasst hat, auszugleichen). Mittlerweile arbeite ich sehr gerne und mit viel Erfüllung, das ist wohl das Beste an der ganzen Sache. Außerdem erhalte ich viel positives Feedback und kann mir das schön selbst zuschreiben. Das macht natürlich stolz!

Hand auf´s Herz: sich selbst zu motivieren, kann einem schon mal schwer fallen. Wie organisierst du deinen Tagesablauf?
Ich bin in Sachen Planung etwas autistisch veranlagt: ich habe jeden Tag ungefähr den gleichen Ablauf. Yoga, Frühstück, to-do-Liste-schreiben und dabei Kaffee trinken, mittags meditieren und abends gegen 18 oder 19 Uhr Feierabend machen. Es klingt spießig, so einen festen Plan zu haben, aber mit dieser Struktur bin ich am effektivsten. Klar könnte ich mir als Selbstständige die Freiheit nehmen, vormittags auszuschlafen und bis in die Nacht zu arbeiten – aber so funktioniere ich nicht. Ich arbeite vor allem vormittags am konzentriertesten und lege mir daher immer die Prio 1-Tätigkeiten, die Konzentration erfordern (an neuen Produkten arbeiten, den Shop überarbeiten, Texte schreiben) auf den Vormittag, während ich nachmittags die Aufgaben erledige, für die ich nicht ganz so viel Konzentration brauche (Bestellungen verpacken und verschicken, Fotos für Social Media schießen usw.).

Mittlerweile bin ich in meinem Rhythmus schon so drin, dass ich mich gar nicht mehr frage, ob ich auf diese Tätigkeit nun Lust habe oder ob ich motiviert bin – ich mache es einfach!

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Welche Frage hättest du gerne gestellt, bevor du den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hast? Und wie lautet deine Antwort darauf?
Ich war vor allem auf der Suche nach der Antwort, wie man als Gründer*in die anfängliche, doch eher karge Phase finanziell überbrückt. Klar hatte ich etwas gespart, aber das hätte mich nicht länger als drei Monate über Wasser gehalten. Ich war sogar auf Netzwerk-Events von erfolgreichen Gründerinnen und habe ihnen diese Frage gestellt. Leider konnte mir keine eine zufriedenstellende Antwort geben. Teilweise, weil sie in anderen Lebenssituationen gegründet haben (und zum Beispiel in Teilzeit starten konnten oder aus der Arbeitslosigkeit heraus) oder weil sie sich schlichtweg nicht mehr daran erinnern konnten. Das fand ich sehr ernüchternd und habe auch deswegen meinen #megamutig-Podcast in’s Leben gerufen: um anderen diese Antworten zu geben.

Meine Antwort darauf, wie man sich anfangs finanziell über Wasser hält: ich habe den Gründungszuschuss gewährt bekommen und habe außerdem als Freelancerin einige Projekte angenommen. Ich habe immer versucht, kreativ mit der Frage des Geldes umzugehen. Mir nicht gesagt, dass ich ein Loser bin, weil grad kein Geld mehr rein kommt (was früher meine Tendenz gewesen wäre), sondern die Frage konstruktiver formuliert: „Wie kann ich Geld verdienen“. Und schon kamen mir meistens Ideen.

Und zuguterletzt: welchen Rat hättest du (oder hast du) gerne bekommen, bevor du dein Glück selbst in die Hand genommen hast?
Anfangs habe ich sehr unter der Frage gelitten, was ehemalige Kollegen von mir denken könnten. Ich habe mir selbst ganz schön böse eingeredet, dass die meine Arbeit als Selbstständige sicher lächerlich finden, dass sie mein Projekt nicht ernst nehmen und bestimmt hinter meinem Rücken lästern. Ich war so verunsichert, dass ich einige ehemalige Kommilitonen und Kollegen sogar auf Instagram blockiert habe.

Nun, neun Monate später, weiß ich gar nicht mehr, was mich da so verunsichert hat. Ich brauchte natürlich etwas Zeit, um mein Label stahlpink so weit voran zu bringen, dass ich darauf stolz sein konnte. Und nachdem ich alle wieder ent-blockiert habe, mich bei einigen sogar persönlich dafür entschuldigt habe und in offenen Gesprächen raus gehört habe, wie andere tatsächlich zu meiner Arbeit stehen, geht’s mir total gut damit! Nun dürfen alle ruhig sehen, was ich nun für eine tolle Arbeit habe.

Der Rat wäre also wahrscheinlich: „Work until you’re proud“ – denn das war der Schlüssel zu meiner eigenen beruflichen Zufriedenheit.

Wie es wirklich ist, von dem zu leben, was man liebt // Interview mit Maggie von stahlpink

Liebe Maggie, vielen Dank für das schöne Interview und die Zeit, die du dir dafür genommen hast! „Work until you’re proud.“ – ein goßartiger Rat. Es geht nämlich nicht darum, einen besonders fancy Job zu haben, ein super instagrammables Leben zu führen. Es geht nicht um andere und das, was sie denken, nur darum, sich um seine eigene Zufriedenheit zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen und etwas zu tun, worauf man selbst stolz sein kann.

Habt es schön!
Nadine

Fotos: Maggie von stahlpink

Falls ihr euch fragt, was es mit dieser Serie auf sich hat: hier könnt ihr nachlesen, um was es bei der #Jobliebelei geht.

P.S.: Falls du denkst, dass deine Geschichte zu einem Job, den du liebst, auch Mut machen könnte, meld dich bei mir! Ich freu mich auf eine kurze Mail mit dem Betreff Jobliebelei an nadine@dreierlei-liebelei.de mit einer Beschreibung, was du genau machst.

Das könnte dir auch gefallen:

2 Kommentare

  • antworten Bine 31. August 2018 at 6:11

    Tolles Interview! Ich habe Maggie neulich im Sister-mag Podcast gehört und seitdem folge ich ihr hier und
    da! 😉
    Was mich beeindruckt – neben all den mutigen Entscheidungen- ist der „spießige“ Alltag und die feste Routine.
    Davon werde ich mir eine Scheibe abschneiden!
    Liebe Grüße Bine

  • antworten Evelyn Kuttig 31. August 2018 at 12:58

    Liebe Nadine,

    #Jobliebelei ist eine tolle Sache! Es macht mir große Freude diese Reihe mit Deinen aussagekräftigen Fotos zu lesen.

    Herzlichst, Evelyn

  • Schreibe eine Antwort